Wie lernen eigentlich Learning Professionals? Ein Selbstlernprozess.

Beim LernXP Podcast frage ich meine Gäste regelmäßig dazu, wie sie selbst gerne lernen. Die Antworten sind mitunter sehr unterschiedlich. Da mich interessierte, welche Überschneidungen und Ähnlichkeiten es bei den verschiedenen Gästen hab, habe ich diese mehr als 20 Meinungen gegenübergestellt und sie in eine Struktur gebracht. In der Gesamtheit ergibt sich dadurch für mich ein rundes Bild. Dabei haben natürlich nicht alle Learning Professionals alle Aspekte genannt und einige haben auch alternative Reihenfolgen genannt. Einzelne haben auch ganz andere Ansätze verfolgt. Meine Interpretation dazu ist, dass es immer auch an dem jeweiligen Lernthema, der gewünschten Lerntiefe und dem Zweck liegt, wie der eigene Lernansatz aussieht. Damit soll der hier dargestellte Ablauf auch kein universalgültiges Konzept darstellen, kann aber eine gute Orientierung geben, wie ein guter Selbstlernprozess aussehen kann.

Motivation als Voraussetzung

Als wichtige Basis für das Lernen nennen viele eine grundlegende Motivation für das Lernthema. Neugier und starkes Interesse an einem Thema kann ein guter Motivationstreiber sein. Ein konkreter Bedarf erzeugt meist ebenfalls die notwendige Motivation. Dies kann ein konkreter Kundenauftrag, ein Projekteinsatz oder eine sonstige in Aussicht stehende Anwendung sein.

Zielklarheit und Fokus

Vision & Ziel

Gibt es ein klares Lernthema sollte man sich darüber klar sein, was man mit dem Gelernten anfangen möchte. Es braucht also eine Vision, die über das eigentliche Lernen hinaus geht. Eine gute Vision zahlt dauerhaft auf die Motivation ein. Gerade wenn noch kein bestehender Anwendungsfall in Aussicht steht, ist die Vision über die Anwendung und den Zielzustand umso wichtiger.

Zusätzlich ist es für die meisten wichtig sich ein klares Lernziel zu setzen. Hier empfiehlt es sich genügend Zeit einzuplanen und dieses auch schriftlich festzulegen. Handelt es sich um ein sehr großes Lernziel, macht es Sinn, dieses in Etappenziele / Meilensteine herunterzubrechen. Schließlich bleibt die Motivation höher, wenn Ziele erreichbar erscheinen und regelmäßig (Zwischen-)Ziele erreicht werden.

Tipp:
Eine Option diesen Planungsprozess zu standardisieren kann die WOOP-Methode sein, bei der man vom Wunsch über das Ergebnis (Outcome), den möglichen Hindernissen (Obstacles) zu einem Plan kommt. Mehr Details dazu finden sich auf der Seite WOOP my life (danke an Helmut Hönsch für diesen Hinweis).

Fokussierung & Flow

Gibt es ein klares Lernziel, sollte man sich auch darauf fokussieren. Eine gute Möglichkeit, sich schnell einem Lernziel zu nähern, ist sich einen ganzen Tag (oder gleich mehrere) nur mit einem Lernthema zu beschäftigen. An so einem Tag kann man dann jedem Link zum Thema folgen und einen richtigen Deep Dive machen (siehe auch Persönlicher Lerntag). Dabei kann man leichter in einen Flowzustand gelangen, bei dem Ablenkungen ausgeblendet werden. Das Lernziel lässt sich dadurch vermutlich schneller erreichen. Wichtig ist danach möglichst schnell auch in die Anwendung zu kommen.

Achtung! Lernen braucht auch Zeit

Ein zu starker Fokus auf ein Lernthema und in einem kurzen Zeitrahmen z.B. nur einem Tag kann auch kontraproduktiv sein. Mindestens sollten genügend Pausen eingeplant und genutzt werden (z.B. durch Nutzung der Pomodoro Technik).
Was gegen einen zu komprimierten Lernzyklus spricht, ist die Art wie unser Gehirn lernt. Dauerhaft wird Wissen eher generiert, wenn es mit anderen Informationen verwoben wird (Interleaving) und über längere Zeiträume immer wieder genutzt wird (Spacing).
Interleaving:
Das Gehirn lernt besser, wenn man mehrere unterschiedliche Themen abwechselnd bearbeitet und lernt. Ebenfalls ist es hilfreich mit schwierigeren Inhalten zu starten und dann zu den einfachen Konzepten zu gehen.
Spacing:
Das Gehirn lernt besser, wenn Inhalte nicht in einem Block gelernt werden, sondern über einen längeren Zeitraum immer wieder genutzt und erweitert werden. Das typische Karteikartenlernen in Verbindung mit Spaced Repetition (in denen die zeitlichen Abstände immer länger werden) nutzt z.B. diesen Aspekt aus. Wer versucht alles an einem Tag zu lernen, wird das Wissen kurzfristig verfügbar haben, aber schon nach kurzer Zeit das meiste wieder vergessen.

Wer Spacing oder Interleaving genauer verstehen möchte, der kann sich dies z.B. im Kurs Learning How to Learn (oder anderen Veröffentlichungen) von Barbara Oakley im Detail ansehen.

Wissensaufbau

Ist das Ziel klar geht es für die meisten mit dem Wissensaufbau weiter. Gerade hier gibt es unterschiedlichste Präferenzen. Es fängt mit dem Klassiker, dem Lesen von Büchern und (Online-)Artikeln an. Natürlich dürfen Videos z.B. auf YouTube oder Ted-Talks nicht fehlen. Auch Podcasts wurden häufig genannt und einige nutzen gerne Hörbücher. Webinare wurden ebenfalls als Lernmöglichkeit genannt. Interessanterweise hatte ich bisher bei meinen Gesprächen noch niemanden, der explizit Online-Kurse erwähnt hätte. Inspirierend fand ich die den Ansatz von Simon Dückert Videos als Audio herunterzuladen und wie einen Podcast hören zu können. Da die meisten Videos auch ohne Bild auskommen kann man die Inhalte so einfacher unterwegs konsumieren.

Als weitere wichtige Quelle wurden natürlich auch Gespräche und Austausch mit Experten genannt, welche in den nächsten Abschnitt mit behandelt werden.

Sharing & Netzwerke

Von Experten lernen

Von Experten lernen fängt häufig damit an, die richtigen Experten in einem Feld zu identifizieren. Zum einen gibt es die Idee die Lead User zu finden, die in einem Bereich die härtesten Anforderungen haben. Diese Lead User wissen, wie etwas auch unter schwierigen Voraussetzungen erfolgreich gemacht wird. Nach dem Motto: Lerne von den Besten.
Eine weitere Option ist es sogenannte Trusted Guides oder gute Kuratoren zu suchen, die hilfreiche Inhalte zu den eigenen Lernthemen vorselektiert und häufig mit kurzen
Zusammenfassungen liefern (mehr dazu in der Podcast Episode Kuration von Lerninhalten).

Als Trusted Guides zum Thema Lernen fallen mir gleich folgende Personen ein:

Austausch mit anderen Menschen

Ein von sehr vielen genannte Methode des Lernens ist das Lernen im Austausch mit anderen. Es bietet einem die Möglichkeit den eigenen Horizont zu erweitern und alternative Perspektiven auf das jeweilige Lernthema zu erhalten. Das bestehende Wissen kann angereichert werden und durch die Wiedergabe des eigenen Verständnisses festig sich dieses im Gedächtnis. Der Austausch mit anderen ermöglicht es zusätzlich Feedback zu erhalten.

Auch ein Austausch über Soziale Medien kann man in dieser Kategorie einsortieren. Hier kann ich gezielt nach Experten suchen oder aktiv Fragen stellen. Zusätzlich erhalte ich dort auch zufällige Impulse, die mich vielleicht auf komplett neue Ideen bringen (Serendipität).

Häufig ist der Austausch mit anderen auch gepaart damit Wissen zu teilen:

Aktiv Wissen teilen

Wenn man etwas nicht einfach erklären kann, hat man es nicht verstanden.

Häufig Einstein zugeschrieben

Aus Lernsicht ist es wertvoll Wissen zu teilen. Beim Wiedergeben des erlernten wird das Wissen aktiviert und muss in eine verständliche Struktur gebracht werden. Dieses Arbeiten mit dem Wissen hilft dabei es besser nutzbar zu machen. Häufig merkt man auch erst, ob man etwas richtig verstanden hat, wenn man es selbst zusammenfasst oder anderen erklärt. Zusätzlich lernt man durch die Fragen oder Ergänzungen der Empfänger. Wie das Wissen dabei geteilt wird, kann sehr unterschiedlich sein:

  • Lernen durch Lehren: einen Kurs, ein Webinar oder einfach eine Lunch & Learn Session anbieten
  • Einen LinkedIn Post oder einen Blogartikel schreiben
  • Kuratieren von Inhalten
  • Ein Interview mit einem Experten als Podcast oder Video aufzeichnen
  • Sketchnotes oder andere Visualisierungen erstellen und über Social Media teilen
  • Ein Konzept ausarbeiten oder ein Buch schreiben

Ausprobieren und Experimentieren

The only way to learn is by doing things. We can read about how to swim. … But you will not learn how to do it until you do it. And the reading, the listening is an important preparation. But learning is the act of failing on our way to mastery.

Seth Godin

In Anlehnung an das Zitat von Seth Godin sage ich gerne „Lerninhalte konsumieren ist nur die Vorbereitung für das Lernen„. Oder „Wie werde ich wirklich gut im Präsentieren? Indem ich regelmäßig präsentiere, Feedback erhalte und meine Tätigkeit reflektiere„. Wissen anhäufen ist schön, aber Lernen ist mehr als Wissen allein. Auch Wissen teilen hilft zwar das Verständnis zu erhöhen, aber nicht um wirkliche Skills aufzubauen. Fertigkeiten und Kompetenzen entwickeln sich nur dann, wenn Wissen auch zur Anwendung gebracht wird. So sehen es auch viele der Lernexperten, die berichten, dass sie gerne und am meisten beim Anwenden und Ausprobieren lernen.

Einige starten ganz bewusst mit dem Anwenden und gehen vorher nicht durch die oben beschriebenen Schritte. Ganz im Sinne von „keine Anleitung lesen, sondern gleich starten„. Dabei ist es dann natürlich wichtig früh aus den eigenen Fehlern zu lernen. Und auch beim Anwenden, Ausprobieren und Experimentieren gibt es Optionen, um sich zunächst eine geschützte Lernumgebung zu schaffen. So kann das Ausprobieren z.B. zunächst in einer Lerngruppe oder mit Teamkollegen passieren. Auch eine Generalprobe z.B. eines Vortrags oder eines relevanten Sprechanteils in einem Training kann darunter fallen. Es muss nicht immer gleich der Sprung ins kalte Wasser sein.

Tandemarbeit

Eine besondere Variante, die das Lernen von Kollegen und Experten mit dem Ausprobieren verbindet, ist die Arbeit als Tandem. So kann ein Trainer und Co-Trainer Paar sehr gut voneinander profitieren und voneinander lernen. Auch das gemeinsame Ausarbeiten eines Konzeptes kann sehr erfolgsversprechend sein, da mit verschiedenen Perspektiven auf das Thema geschaut wird und man sich gegenseitig Feedback gibt. So pro profitieren beide Seiten von den Stärken der jeweiligen Tandempartners. Dies kann eine sehr praktische und produktive Lernerfahrung schaffen. In der Softwareentwicklung nutzt man einen ähnlichen Ansatz zum Beispiel aktiv unter dem Begriff des Pair-Programming.

Selbstwahrnehmung und Achtsamkeit

Um einen besseren Lernprozess zu erleben kann eine gute Selbstwahrnehmung helfen. Reflexion kann dabei helfen die Selbstwahrnehmung zu schärfen. Zum Beispiel wenn man sich über folgenden Fragen klar wird:

Wann lerne ich am besten?

Die Erkenntnis, wann man selbst am besten konzentriert Lernen kann, ist sehr hilfreich. Wo lege ich zum Beispiel meine Lernzeit hin? Am Freitagnachmittag, wo ich vielleicht bereits mit den Gedanken im Wochenende bin oder noch dringend etwas für die Arbeit abschließen muss? In solchen Situationen wird es den meisten schwer fallen sich auf das Lernen zu fokussieren. Früh morgens ist das Gehirn eigentlich noch am aufnahmefähigsten. Am besten fängt man mit dem Lernen an, bevor man in E-Mail und Social Media schaut, da dies bereits mentale Kapazitäten raubt. Aber hilft es mir zu versuchen früh morgens zu lernen, wenn ich ein Morgenmuffel bin? Einige achten sehr aktiv auf ihren Biorhythmus, um ihre Lernzeiten besser zu selektieren.

Wie lerne ich eigentlich am liebsten?

Es kann helfen sich immer mal wieder zu hinterfragen: wie lerne ich am liebsten und was hilft mir wirklich beim Lernen? Wir haben gerade im Abschnitt Wissensaufbau gesehen, dass es sehr viele verschiede Medientypen gibt. Auch wenn es die verschiedenen Lerntypen nicht gibt, habe doch viele ihre eigenen Präferenzen. Hier ist es auch nochmal wichtig sich zu überlegen, ob die eigenen Präferenzen für die Erreichung des jeweiligen Lernziels wirklich die besten sind. In manchen Fällen macht es vielleicht Sinn sich bewusst gegen seine eigenen Lernpräferenzen zu entscheiden.

Achtsamkeitsübungen / Mindfulness um sich besser zu Fokussieren

Achtsamkeitsübungen sind in verschiedener Hinsicht hilfreich für das Lernen. Viele Achtsamkeitsübungen helfen einem in einen Fokus-Modus zu kommen. Wenige Minuten Meditation vor dem Lernen können uns also helfen konzentrierter zu Lernen. Was einem vor der Lernzeit bewegt hat, lässt man hinter sich und kann sich voll und ganz mit dem Hier und Jetzt beschäftigen. Natürlich haben Achtsamkeitsübungen noch weitere positive Aspekte und sollte nicht allein als Mittel gesehen werden, um Lernzeiten zu optimieren.

Sonstiges

Natürlich wurden noch einige weitere Ansätze zum Lernen genannt, die nicht in den hier skizzierten Selbstlernprozess passen.

Es gibt weiterhin gute Gründe, um an Trainings und Seminaren teilzunehmen. Trainings ermöglichen es einem intensiv mit der Teilnehmergruppe zu agieren und direktes Feedback zu erhalten. Auch die Möglichkeit, dem Trainer als Experten direkt Fragen stellen zu können ist in anderen Formaten meist nicht vorhanden. Auf Konferenzen bekommt man einen sehr guten Überblick über viele Themen. Man erhält in kurzer Zeit viele Impulse und verschiedene Inspirationen. Nicht zuletzt lernt man wieder neue Experten kennen, die das Netzwerk bereichern können.

Fazit

Auch wenn ich zu der Frage nach persönlichen Lernpräferenzen sehr unterschiedliche Antworten erhalten habe, lässt sich in der Zusammenfassung doch ein Muster erkennen: Allem geht ein Ziel voraus, es braucht Wissensaufbau, den Austausch mit anderen Menschen und ganz wichtig: die eigentliche Anwendung des erlernten. Von Claas Triebel hatte ich das Think-Read-Talk-Do (TRTD) Modell kennen gelernt. Das TRTD-Modell beschreibt ähnliche 4 Kernelemente des Lernens. Wer also sein nächstes Lernvorhaben vor sich hat, kann sich an diesem einfachen Ablauf orientieren:

  • Lernziel definieren
  • Wissen aufbauen
  • Austausch mit Menschen
  • Anwenden

Links

Download Sketchnote des Selbstlernprozesses

2 Gedanken zu „Wie lernen eigentlich Learning Professionals? Ein Selbstlernprozess.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.